Randbemerkungen

Cave Linguam Latinam, oder Latein als Blödsinns-Indikator

Noch einen Meter mehr Abstand als vom Robert-Koch-Institut empfohlen solltet ihr halten, wenn euer Gegen­über die Floskel Cui bono? in die Diskussion wirft. Dies unschein­bare Partikelchen Lateins, sinn­gemäß über­setzt Wem nützt es?, dient derzeit mal wieder als pseudo­intel­lektuelle Verbrämung der albernsten Verschwörungs­theorien auf dem argumentativen Niveau von Chemtrails und noch darunter.

Da wird beispielsweise die Pharma-Industrie als Nutznießerin der Corona-Pandemie „aufgedeckt“ oder darüber speku­liert, dass der Virus ein Kern­element biolo­gischer Kriegs­führung des Westens sei mit dem Ziel, China wirt­schaftlich in die Knie zu zwingen.

Inhalt­lich mag ich auf so offen­sicht­lichen B*llsh*t nicht eingehen; inter­essanter finde ich es, die Ausgangs­frage auf sie selbst anzu­wenden: Wem nützen solche Dünnpfiff-Theorien? Zunächst mal vermut­lich ihren Erfindern, ganz banal pekuniär, denn immerhin sind Esoterik und art­ver­wandte „Gegenaufklärung“ ein wichtiges Markt­segment der Publi­zistik. Sie nützen aber auch all jenen, die daran glauben, indem sie der Auf­wertung des Selbst dienen (Ich habe einen Zusammen­hang begriffen, den die blöde Masse nicht kapiert) und, wichtiger noch, indem sie von persön­licher Verant­wortung frei­sprechen. Das ist ein wesent­liches Element so ziemlich aller bedeu­tenden Verschwörungs­theorien: Wenn ich daran glaube, dass SIE hinter all dem stecken, bin ich sowieso macht­los, und dann muss ich auch gar keine indi­vidu­ellen Vorkeh­rungen dagegen treffen. Woraus wiederum unmittel­bar folgt: Solche Theorien richten mehr Schaden an, als sie jemals nutzen könnten.

Also lasst euch nicht ins Bocks­horn jagen von all den fünf­beinigen Säuen, die jetzt wieder durchs Dorf getrieben werden. Und wer sonst gern jede spekta­kuläre neue Erkenntnis sofort weiter­reicht, tut aktuell gut daran, erst mal drüber nach­zu­denken, zu wessen Nutzen das wäre und ob der poten­zielle Nachteil nicht größer wäre.

Oder besser verständ­lich für Freunde der pseudo­intel­lektuellen Verbrämung:
quidquid agis, prudenter agas et respice finem 🙂

Update: Bisher handhabe ich das Kommentieren hier relativ liberal. Wenn dadurch allerdings notdürftig kaschiertes Verschwörungs-Geraune und Verfolgungswahn eingeschleust werden, bin ich damit nicht einverstanden und reagiere entsprechend. Danke.

6 Comments

  • Bert

    Na ja, es gibt einfach so Typen, die weiden sich daran, wenn sie miese Lauen und schlechte Stimmung verbreiten können. Das sind solch Frustriere, die allem anderen die Schuld geben, nur nie bei sich selbst suchen – und da es ihnen schlecht geht (man verdient ja „nur“ 4.000 Euro und aber „mehr“ zu tund als der Chef, vorallem „mehr“ Veranwortung), muss es allen anderen auch schlecht gehen.

  • aebby

    Dank zeitgenössicher Technik konnte ich den griechischen Ursprung des Zitats identfizieren 😉

    Βουλεύου δὲ πρὸ ἔργου, ὅπως μὴ μῶρα πέληται.
    Überlege vor der Tat, damit nichts Törichtes daraus entstehe.

    Und damit zum eigentlichen Thema. Ich würde mir wünschen, dass vor den Taten mehr überlegt wird. Das betrifft die eine oder andere Maßnahme insbesondere aber das Absondern von irgendwelchen Theorien. Wenn allerdings Deine Vermutung zutrifft, dass die Theorien der Selbstentschuldigung dienen, ist das Nachdenken eher störend.

    • chw

      Mit Graecum kann ich leider nicht dienen … Aber da ist was dran, dass auch vor manchen Maßnahmen mehr Überlegung wünschenswert wäre. Wobei – ich fürchte, dass einige der aktuellen und evtl. kommenden Einschränkungen so drastisch sein müssen, weil man sich nicht drauf verlassen kann, so drastisch ausfallen werden, weil man sich nicht darauf verlassen möchte, dass die Leute von selbst vernünftig sind. (Erste Formulierung korrigiert, um klarzustellen, dass ich das nicht befürworte.) Wenn ich mich allein aufs Rad setze und an einen See fahre, tut das wahrscheinlich niemandem weh (und meiner körperlichen und seelischen Gesundheit gut). Aber damit keine Partys am Strand stattfinden, soll überhaupt niemand mehr ans Wasser …

      • Aebby

        Auch ohne die Korrektur hätte ich es so verstanden. Allerdings ist mir heute eine Meldung unter gekommen, dass in Köln manche Leute nichts Besseres zu tun hatten als eine Grillparty vor dem Klinikum zu veranstalten – da ist es fast unausweichlich, dass Ausgangsperren kommen.

        • chw

          Solche Beobachtungen habe ich auch gemacht. Ich habe ja Verständnis dafür, dass nicht jede*r gleich umfangreich informiert ist (siehe auch den jüngsten Essay von Sascha Lobo bei SpOn), aber grundsätzlich könnte die Problematik inzwischen überall angekommen sein. Und dann könnte man sich ja auch zum Waldspaziergang in kleiner Runde mit etwas mehr Abstand als sonst treffen, statt in dichten Trauben zu plaudern, als sei nichts. – Wahrscheinlich wird es nicht mal so sein, dass diejenigen, die sich jetzt am unvernünftigsten verhalten, am meisten unter der Sache leiden werden, das ist für mich das eigentlich Fiese daran.

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